Mittelalter 

(ca. 750-1470)

Geschichtlicher Hintergrund

Das Mittelalter war eine Epoche zwischen Antike und Neuzeit, in der Religion und Kirche das Denken prägten. Bildung lag überwiegend in den Händen des Klerus. Die Kultur war stark von Glauben, Feudalordnung und Rittertum bestimmt. Gleichzeitig entwickelten sich Städte, Handel und ein erstes Bürgertum, was auch in der Literatur sichtbar wurde.

Man unterscheidet:

  • Frühmittelalter (ca. 750–1170): Beginn schriftlicher Überlieferung, Heldenlieder, religiöse Texte.

  • Hochmittelalter (1170–1250): Blüte der höfischen Kultur: Minnesang, Artusromane, Heldenepik.

  • Spätmittelalter (1250–1470): Volksnahe Literatur (Fastnachtsspiele, Schwänke), Mischformen zwischen Geistlichem und Weltlichem.

Charakteristika der mittelalterlichen Literatur

  • Vorrang der mündlichen Überlieferung – erst später schriftlich fixiert.

  • Religiöse Ausrichtung: Bibelübersetzungen, Heiligenlegenden, geistliche Spiele.

  • Höfische Literatur: Minnesang, Ritterromane, Ideale wie Treue, Ehre, Tapferkeit.

  • Formstrenge: Versdichtung, Reim, festgelegte Muster.

  • Sprachen: Latein als Gelehrtensprache; daneben Mittelhochdeutsch als Literatursprache.

  • Übergang von Adelskultur zu städtisch-bürgerlichen Ausdrucksformen im Spätmittelalter.

Bedeutende Vertreter

  • Walther von der Vogelweide (ca. 1170–1230)
    Bedeutendster Minnesänger. Wahrscheinlich in Tirol geboren, viel auf Reisen. Schrieb Liebeslyrik, politische Lieder und Gesellschaftskritik. Berühmt: „Under der Linden“.

  • Hartmann von Aue (ca. 1160–1210)
    Ritter aus Oberschwaben, einer der ersten, der französische Artusromane ins Deutsche übertrug (Erec, Iwein). Vermittelte höfische Ideale.

  • Wolfram von Eschenbach (ca. 1170–1220)
    Minnesänger und Epiker, wahrscheinlich Ritter. Ohne höhere Bildung, aber ein „Sprachgenie“. Sein Werk Parzival zählt zu den bedeutendsten Dichtungen des Mittelalters.

  • Gottfried von Straßburg (gest. um 1210)
    Wahrscheinlich gebildeter Kleriker. Schuf den Roman Tristan, der unvollendet blieb, aber als Höhepunkt höfischer Epik gilt.

  • Oswald von Wolkenstein (ca. 1377–1445)
    Ritter, Diplomat und Dichter aus Südtirol. Weltweit gereist. Schrieb Lieder über Liebe, Politik, Religion – gilt als einer der letzten großen Minnesänger.

  • Hans Folz (1435–1513)
    Nürnberger Dichter, Handwerker und Meistersinger. Berühmt für seine volkstümlichen Fastnachtsspiele, die satirisch und humorvoll gesellschaftliche Themen aufgriffen.

Bedeutende Werke und ihre Inhalte

  • Hildebrandslied (um 800)
    Ältestes deutschsprachiges Heldenlied. Erzählt den tragischen Kampf zwischen Vater Hildebrand und Sohn Hadubrand, die sich nicht erkennen und tödlich bekämpfen.

  • Nibelungenlied (um 1200)
    Monumentales Heldenepos. Erzählt von Siegfrieds Heldenmut, seiner Ermordung durch Hagen und dem Untergang der Burgunden unter Kriemhilds Rache. Mischung aus Heldensage und höfischen Einflüssen.

  • Parzival (1200–1210, Wolfram von Eschenbach)
    Ritterroman um die Suche nach dem Heiligen Gral. Parzival reift vom naiven Jüngling zum wissenden Ritter. Bedeutend durch seine Mischung aus religiöser Symbolik und weltlichem Abenteuer.

  • Tristan (ca. 1210, Gottfried von Straßburg)
    Tragische Liebesgeschichte von Tristan und Isolde. Thematisiert Leidenschaft, Schicksal und den Konflikt zwischen Liebe und gesellschaftlichen Normen.

  • Minnelieder (Walther von der Vogelweide, 12.–13. Jh.)
    Lyrische Gesänge über Liebe und Beziehungen. Reichen von idealisierter, höfischer Liebe bis zu realistischen, kritischen Tönen.

  • Fastnachtsspiele (Hans Folz, 15. Jh.)
    Kurze Theaterstücke, meist zur Fastnacht aufgeführt. Humorvoll, burlesk, oft mit satirischem Blick auf Alltag, Gesellschaft und Religion.

Dû bist mîn, ih bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzellîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.

 

Dû bist mîn, ich bin dîn ist der erste von sechs zusammenhängenden Versen, die sich in der Tegernseer Briefsammlung der Bayerischen Staatsbibliothek  am Ende eines Liebesbriefes finden.

gemeinfrei