Aufklärung

(18. Jahrhundert)

Von Georg Friedrich Kersting - Hans Joachim Neidhardt: Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts. Tosa, Wien o. J., Gemeinfrei

Geschichtlicher Hintergrund

Die Epoche der Aufklärung war eine Zeit tiefgreifender geistiger, politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs und den prunkvollen, aber autoritären Herrschaftsformen des Barock suchten die Menschen nach neuen Leitideen. Der zentrale Gedanke war die Vernunft (ratio): Der Mensch sollte sich seines eigenen Verstandes bedienen, Vorurteile ablegen und durch Bildung und Wissen mündig werden.

Der berühmte Leitsatz des Philosophen Immanuel Kant fasst diese Haltung zusammen:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Politische und gesellschaftliche Zusammenhänge

  • Absolutismus: Herrscher wie Friedrich der Große in Preußen führten ein aufgeklärtes Regiment, förderten aber gleichzeitig Bildung, Wissenschaft und Kunst. Dieses „aufgeklärte Absolutismus“-Modell verband Macht mit Reform.

  • Gesellschaftliche Öffnung: Das Bürgertum gewann an Einfluss. Es forderte mehr Teilhabe an Bildung, Wirtschaft und öffentlichem Leben.

  • Lesekultur: Mit dem wachsenden Bürgertum entstand ein regelrechtes Lesebedürfnis. Bücher, Zeitungen und Zeitschriften wurden begehrt, der Buchmarkt florierte.

  • Lesegesellschaften und Salons: Bürgerliche Vereinigungen, in denen man Bücher und Zeitschriften las, diskutierte und Wissen teilte. Sie förderten den Austausch und die Verbreitung aufklärerischer Ideen.

Der Pietismus als Gegen- und Ergänzungsbewegung

Der Pietismus, eine religiöse Reformbewegung innerhalb des Protestantismus, entstand Ende des 17. Jahrhunderts und prägte auch die Aufklärung:

  • Betonung der inneren Frömmigkeit, des persönlichen Glaubens und der Bibellektüre.

  • Förderung von Bildung und Schulunterricht, auch für einfache Bevölkerungsschichten.

  • Vorbereitung des Bodens für die Aufklärung, indem Lesen und Selbstreflexion zu religiösen Pflichten wurden.
    Der Pietismus verband also Religion mit Aufklärung und legte indirekt die Grundlage für die Lesekultur des 18. Jahrhunderts.

Philosophen und Denker der Aufklärung

  • René Descartes (1596–1650)
    Frühaufklärer. Sein berühmtes „Cogito, ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) stellte das Denken und die Vernunft ins Zentrum des Weltbildes.

  • John Locke (1632–1704)
    Englischer Philosoph. Forderte Religionsfreiheit, Toleranz und das Recht auf Eigentum. Seine Ideen beeinflussten den Liberalismus und die Demokratiebewegungen.

  • Voltaire (1694–1778)
    Französischer Philosoph, Kritiker der Kirche und des Absolutismus. Setzte sich für Toleranz, Menschenrechte und freie Meinungsäußerung ein.

  • Montesquieu (1689–1755)
    Formulierte die Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative. Dieses Modell wurde grundlegend für moderne Demokratien.

  • Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)
    Betonte die Bedeutung von Natur und Freiheit. Mit „Der Gesellschaftsvertrag“ wurde er Vordenker der Volkssouveränität. Sein Erziehungsroman „Émile“ prägte die Pädagogik.

  • Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781)
    Wichtigster deutscher Aufklärungsautor. Mit dem Drama „Nathan der Weise“ forderte er religiöse Toleranz (Ringparabel). Seine Theaterstücke („Emilia Galotti“, „Minna von Barnhelm“) stellten gesellschaftliche Missstände dar.

  • Immanuel Kant (1724–1804)
    Philosoph in Königsberg. Mit seiner Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) definierte er die Epoche. Sein Denken war geprägt von Autonomie, Vernunft und Moral.

Literatur als Instrument der Aufklärung

  • Funktion: Literatur wurde Mittel zur Volksbildung und Kritik. Sie sollte erziehen, belehren und aufklären.

  • Formen:

    • Drama: Bürgerliches Trauerspiel (Lessings „Emilia Galotti“) – Konflikt zwischen Bürgertum und Adel.

    • Fabeln und Lehrgedichte: Kurze, belehrende Texte mit moralischer Pointe.

    • Philosophische Schriften: Abhandlungen, Essays, Streitschriften.

    • Journalismus: Zeitschriften und Zeitungen als Foren für Diskussion und Bildung.

  • Ziel: den Menschen von Vorurteilen befreien, zur Selbstbestimmung erziehen, Toleranz und Vernunft verbreiten.

Lesegesellschaften und Lesebedürfnis

  • Lesegesellschaften: Zusammenschlüsse von Bürgern, die gemeinsam Bücher anschafften, lasen und diskutierten. Wichtige Orte für geistigen Austausch und Demokratisierung von Wissen.

  • Salons: Besonders in Frankreich – von Frauen geführt (z. B. Madame Geoffrin). Treffpunkte von Intellektuellen, Künstlern, Politikern.

  • Lesebedürfnis: Durch steigende Alphabetisierung und billiger gedruckte Bücher entstand eine regelrechte Leserevolution. Literatur war nicht mehr nur für Gelehrte, sondern auch für das Bürgertum zugänglich.

Bedeutung der Epoche

Die Aufklärung führte zu einem neuen Verständnis von Mensch und Gesellschaft:

  • Vernunft und Bildung als oberste Prinzipien

  • Freiheit und Menschenrechte als politische Forderungen

  • Literatur und Philosophie als Mittel der gesellschaftlichen Veränderung

  • Wachsende Lesekultur und Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit

Die Aufklärung bereitete den Boden für die großen politischen Umwälzungen des späten 18. Jahrhunderts – die Amerikanische Revolution (1776) und die Französische Revolution (1789).

Charakteristika der Literatur

  • Leitideen: Vernunft, Toleranz, Nützlichkeit, Selbstbestimmung

  • Funktionen: Literatur als Instrument zur Aufklärung → erziehen, belehren, kritisieren

  • Formen & Gattungen:

    • Drama: bürgerliches Trauerspiel (Lessing)

    • Fabeln, Lehrgedichte, Parabeln (Gellert)

    • (Brief-)Romane, Erziehungsromane (Wieland, La Roche)

    • Essays, Zeitschriften, Kritiken → neue Diskussionsformate

  • Sprache: Klarheit, Sachlichkeit, Abkehr von barocker Pracht

Bedeutende Vertreter

  • Johann Christoph Gottsched (1700–1766): Regelpoetik, Reform der Bühne

  • Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781): Dramatiker, Kritiker, Toleranz (Nathan, Emilia Galotti)

  • Moses Mendelssohn (1729–1786): Philosoph, Toleranz, Popularphilosophie

  • Christoph Martin Wieland (1733–1813): Prosa, Bildungsroman (Agathon)

  • Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769): Fabeln, moralische Erzählungen

  • Sophie von La Roche (1730–1807): Erste deutsche Romanautorin (Fräulein von Sternheim)

  • Immanuel Kant (1724–1804): Philosoph, Definition der Aufklärung

Bedeutende Werke

  • Gottsched: Versuch einer critischen Dichtkunst (1730) – Regelpoetik

  • Lessing: Minna von Barnhelm (1767) – Lustspiel, bürgerliche Moral

  • Lessing: Emilia Galotti (1772) – bürgerliches Trauerspiel

  • Lessing: Nathan der Weise (1779) – Toleranzdrama (Ringparabel)

  • Gellert: Fabeln und Erzählungen (ab 1746) – moralisch-didaktisch

  • Wieland: Agathon (1766/67) – Entwicklungsroman

  • Publizistik & Kritik: Zeitschriften, Rezensionen → Bildung einer kritischen Öffentlichkeit

Motive & Themen

  • Drama: Bürger vs. Adel, Machtmissbrauch, Tugend, Freiheit

  • Lyrik: Moral, Toleranz, Geselligkeit, Maß

  • Roman: Erziehung, Tugend, Vernunft im Alltag, Frauenrolle, Liebe, Gesellschaftskritik

Bedeutung der Epoche

  • Literatur als Werkzeug gesellschaftlicher Erneuerung

  • Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit durch Lesekultur

  • Bildung und Vernunft als zentrale Werte

  • Vorbereitung auf Sturm und Drang und Klassik