Literatur nach 1945 in Österreich
Geschichtlicher Hintergrund
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stand Österreich vor einem moralischen und kulturellen Neubeginn. Wien war in vier Besatzungszonen aufgeteilt, das Land wirtschaftlich zerstört, und die Frage nach der Verantwortung für den Nationalsozialismus wurde lange durch den Mythos der „ersten Opferrolle“ verdrängt. Die Literatur reagierte auf diese Krise mit dem Versuch eines sprachlichen und moralischen Kahlschlags: Alles Pathetische und Ideologische sollte vermieden werden.
Bis in die 1950er Jahre stand die Trümmer- und Kahlschlagliteratur im Vordergrund. Ab den 1960er Jahren jedoch entwickelte sich eine neue Vielfalt: engagierte Literatur, experimentelle Formen, kritische Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Politik.
Charakteristika der Epoche
-
Unmittelbare Nachkriegszeit: Verarbeitung von Krieg, Holocaust, Heimkehr, Zerstörung.
-
Sprache: Reduktion auf das Wesentliche, einfache Formen, symbolhafte Bilder.
-
Ab den 1950ern: stärkere Hinwendung zu Lyrik, Prosa und Drama mit psychologischer Tiefe und Sprachskepsis.
-
Ab den 1960ern: Literatur als Kritik an Politik, Gesellschaft, Sprache selbst. Entstehung einer „neuen Literaturgeneration“, die radikaler auftrat.
Bedeutende Autor:innen und Werke
Nachkriegszeit (1945–1950er Jahre)
-
Ilse Aichinger (1921–2016): Die größere Hoffnung (1948) – zentrales Werk der österreichischen Trümmerliteratur, geprägt von NS-Erfahrungen. Kurzprosa mit dichter, symbolischer Sprache.
-
Fritz Hochwälder (1911–1986): Dramatiker, Der öffentliche Ankläger (1948) – Verarbeitung von Terror und Diktatur.
-
Hans Lebert (1919–1993): frühe Werke zur NS-Vergangenheit; Die Wolfshaut (1960) wurde zum Schlüsselroman der Vergangenheitsbewältigung.
Aufbruch (1950er Jahre)
-
Ingeborg Bachmann (1926–1973): wichtigste Lyrikerin der Nachkriegszeit. Die gestundete Zeit (1953), Anrufung des Großen Bären (1956). Themen: Krieg, Gewalt, Sprachkritik, existenzielle Bedrohung. Später Prosa: Malina (1971).
-
Paul Celan (1920–1970): gebürtig aus Czernowitz, später in Wien, dann Paris. Seine Todesfuge (1948/55) gilt als eines der wichtigsten Gedichte über den Holocaust.
-
Ilse Aichinger & Ingeborg Bachmann verband ein gemeinsames Anliegen: die Sprache zu reinigen und neue Ausdrucksformen zu finden.
Neue Generation (1960er Jahre)
-
Thomas Bernhard (1931–1989): trat in den 1960ern mit Lyrik (Ave Vergil, 1958) und Prosa (Frost, 1963) hervor. Seine Werke sind geprägt von Sprachwucht, radikaler Gesellschaftskritik und Auseinandersetzung mit Österreichs Vergangenheit.
-
Peter Handke (geb. 1942): provozierte 1966 mit Publikumsbeschimpfung die Theaterwelt, wandte sich gegen traditionelle Erzählformen und gegen das „konventionelle“ Theater.
-
Hans Lebert: mit Die Wolfshaut (1960) frühe Vergangenheitsaufarbeitung in Romanform.
-
Gert Jonke (1946–2009): erste experimentelle Texte Ende der 1960er.
Bedeutung der Epoche
Die österreichische Literatur zwischen 1945 und 1970 lässt sich in zwei Bewegungen fassen:
-
Unmittelbare Nachkriegszeit: Kahlschlag, Neubeginn, Auseinandersetzung mit Krieg und Holocaust (Aichinger, Hochwälder, Lebert).
-
Ab 1950/60: internationale Anerkennung durch Bachmann und Celan, Aufbruch zu neuer Sprachkritik und literarischer Moderne.
-
Ab Mitte der 1960er: Auftreten einer jungen Generation (Bernhard, Handke), die radikaler gegen die gesellschaftlichen Tabus und die Verdrängung der NS-Vergangenheit anschreibt.
Damit legte die Literatur bis 1970 den Grundstein für die österreichische Moderne der Nachkriegszeit, die von Bachmanns Sprachskepsis, Celans Holocaust-Dichtung, Bernhards Gesellschaftsabrechnung und Handkes experimenteller Ästhetik geprägt wurde.